Erklärung des Jineolojî-Komitees der Frauenbefreiungspartei Kurdistans PAJK anlässlich des 8. März 2015 

 

übersetzt von Cenî – Kurdisches Frauenbüro für Frieden

 

Wir sind die Vorreiterinnen einer Zeit, die mit Freiheit geschmückt wird. Wir werden an diesem 8. März, im Gedenken an die historischen Anstrengungen der Frauen, den Widerstand erweitern und die Welt wird unsere Zeugin sein. Die Zeichen der Zeit strömen in Richtung der Frauen und wird zur Wahrheit zurückfinden, dass jeder Ort des Lebens erst mit der Frau ihren Sinn bekommt. Das Patriarchat, welches tagtäglich Frauen tötet und auf Sklavenmärkten verkauft, versucht sich uns wie ein Albtraum aufzuzwingen. Nicht Sterben, Leben; nicht Sklaverei, Freiheit; nicht Einsamkeit und Verzweiflung, Organisierung und Kampf wird zu unserer Zeit und wo wir sind, wachsen. Als Frauen, im Bewusstsein für die Verteidigung der gesellschaftlichen Werte, wollen mit all unseren Fähigkeiten und einer entsprechenden Verantwortung die Zukunft errichten. Wir sind der Überzeugung, dass diese Zukunft, Leben, Gesellschaft und Bedeutung dadurch entwickelt werden kann, dass die Wissenschaft der Frau von neuem begriffen wird. Diese trägt den Namen Jineolojî1

 

Wir sind der Überzeugung, dass wir mit der Jineolojî zur Wissenschaft der Kräfte der Demokratischen Zivilisation werden. Die, die beständig gegen die Kräfte der zentralistischen Zivilisation, sowie am heutigen Tage gegen die kapitalistische Zivilisation widerständig waren, haben sich jedoch bis heute nicht systematisiert2. In dieser Überzeugung stärkt uns der Glaube an „STAR“, der auf den Zungen kurdischer Frauen niemals verstummte, die in mythischen Überlieferungen der Göttin Innana geloben, die unbeugsam gegen die Götter stand, die der natürlichen Gesellschaft ihre Künste und ihr Wissen entrissen. Unsere Inspiration nehmen wir aus der Kultur und Tradition der Göttinnen und Feen, von Îstar bis Aphrodite, der Erscheinung Hatîce und Fatmas, von Hypatia, Roza und Alexandra, von Emma bis Marie Curie, von ihrer wissenschaftlichen und philosophischen Schöpfungskraft. Unsere Überzeugung wird getragen aus der Tradition unseres Widerstandes, von solchen wie Berîtan und Zîlan und Sema, von Sara und Arîn; gestärkt durch unseren Freiheitskampf, wo wir uns seit fast vierzig Jahren im Widerstand gegen die Kapitalistische Zivilisation befinden.

 

Mit Jineolojî, entgegen der Zerstückelung in den Sozialwissenschaften und aus einer frauenzentrischen Perspektive wollen wir diese neue Ganzheitlichkeit schaffen. Wir glauben, dass es einer Wissenschaft bedarf, die die Frauenbefreiung anzielt. Wie der Vertreter des kurdischen Volkes Abdullah Öcalan erklärte „Die Forschungsmethodik, die von der Wirklichkeit der Frauen entfremdet ist; ein Kampf um Freiheit und Gleichheit, in dessen Mittelpunkt nicht die Freiheit der Frau steht, können nicht zur Wahrheit gelangen und damit keine Freiheit und Gleichheit erreichen.“ Denn Frau ist mehr als ein Geschlecht. Sie ist eine Gesellschaft. Sie ist ein Leben. Daher ist es mehr noch als eine geschlechtliche Identität, voller philosophischer und wissenschaftlicher Bedeutung. Demzufolge sind wir der Überzeugung, dass eine Wissenschaft, in der die Frau zentral ist, das gesamte Leben beeinflussen wird und nachhaltige Lösungen für gesellschaftliche Probleme hervorbringen wird. Die Herangehensweise der positivistischen Wissenschaft, die die Macht zu ihrem Zentrum macht, hat durch die Zerstückelung der Gesellschaft aus den Einzelnen ein gesellschaftliches Monster werden lassen; ein erster Schritt wurde mit den Massenmorden an Frauen gegangen, der unter dem Namen „Hexenjagd“ begangen wurde. Demzufolge sind alle Wissenschaften, an erster Stelle die Gesellschaftswissenschaften, nach sexistischen Mustern geformt worden. Die Folgen dieses Sexismus spürt die gesamte Gesellschaft und an erster Stelle die Frauen darin. Wir sind der Überzeugung, dass gegen die sexistischen Wissenschaften ein noch konsequenterer Kampf geführt werden muss.

 

Wir sagen: eine Wissenschaft, die die Gesellschaft gegenüber der Auslöschung durch den Kapitalismus nicht verteidigt, dem Leben keine größere Bedeutung zuspricht, keine Lösungskraft für die existentiellen und alltäglichen Probleme von Frauen darstellt, diese Wissenschaften sind unmöglich anhand von Reformen 

richtig zu stellen. Solche Wissenschaften können im gleichen Maße wie sie keine lebensnahen, bedeutungsvollen und gesellschaftlichen Wissenschaften sind, auch keine Wissenschaften der Frau sein. Die Sitze der Frauen in den Universitäten, die gleichzeitig eine Isolation darstellen, die sich unter dem kontrollierenden Blick der hegemonialen Kapitalisten befinden, wir bezweifeln, dass das zu Ergebnissen führt. Aus genau diesem Grund kommt der Jineolojî auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften die Rolle des revolutionären Kampfes zu.

 

Mit Jineolojî verfolgen wir noch ein weiteres wichtiges Ziel; der Kampf der Frauenbefreiung wird weiter gehen als ein Geschlechterkampf. Aus diesem Grund streben wir mit der Wissenschaft der Frau in den Gesellschaftswissenschaften, die gegenüber der Gesellschaft die Rolle der Drei Affen1 spielen, nichts minder an als eine revolutionäre Veränderung. Jenseits dessen, Frauen in die bestehenden Wissenschaften zu integrieren oder ihnen den Zugang dazu zu eröffnen, erklären wir es als sinnvoller, aus einer frauenzentrischen Perspektive Politik, Demografie, Wirtschaft, Ethik, Ästhetik, Philosophie und Geschichte, Ökologie, Gesundheit und Bildung von neuem zu definieren und mit neuem Inhalt füllen.

 

Wir sind der Überzeugung, dass die Beziehungen zwischen Frau und Mann weitläufiger zu behandeln sind als in den Ausprägungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern dürfen nicht dem Gebiet der Kategorisierung und der Psychologie überlassen werden. Außerdem dürfen sie nicht der Kulturindustrie in die Hände gegeben werden, die in allen ihren Ausdrucksformen vom Siegel der Pornografie geprägt ist. Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern wurde in der Gesellschaft als Ausdruck von Fruchtbarkeit und Harmonie gesehen. Ganz im Gegenteil befindet sich diese wertvolle Verbindung in einer Situation der größtmöglichen gesellschaftliche Entfremdung. Wir sind der Überzeugung, dass für diese Entfremdung Mythologie, Religion, Kunst, sowie die Seinslehre der heutigen Wissenschaften Verantwortung tragen, die die Welt allesamt nach männlichen Paradigmen begreifen. Beziehungen zwischen Frauen und Männern, die von einer philosophischen, historischen, politischen und künstlerischen Orientierung entfremdet worden sind, mündeten in die Vernichtung von Frauen, mit der wir tagtäglich konfrontiert sind. Entgegen dieser Vernichtung von Frauen ist weder die Verteidigung von Frauen, noch die Bestrafung von Männern, eine Lösung der Probleme; dabei handelt es sich lediglich um eine Beschäftigung mit den Problemen. Für den Aufbau einer neue Gesellschaftlichkeit, die die Beziehungen von Männern und Frauen auf der Grundlage von Vermehrung und Sexualität überwindet, wird somit Jineolojî auf ein sehr drängendes Bedürfnis antworten können.

 

Wir sind der Überzeugung, dass die Aufdeckung der Geschichte der Versklavung der Frau, auch die Aufdeckung der Geschichte der Menschheit bedeuten wird. Wir begreifen es so, dass die Geschichte des Widerstands der Frauen in der Kultur und Traditionen des Mittleren Ostens versteckt ist. Wir sind Frauen eines Volkes, dessen Sprache und Identität, dessen Tanzen nach eigenen Bräuchen, deren Singen und Denken verboten wurde; angesichts dessen, was wir erreicht haben, als wir wie ein Kraut auf unserer eigenen Wurzel ein weiteres Mal sprossen, sind wir auch dieser Tradition verpflichtet. Wir begreifen unseren Kampf als der Tradition des Widerstandes auf diesem Boden anschließende Entwicklung. Deshalb begreifen die Herangehensweise als falsch, die Europa als Zentrum der Geschichte des Widerstandes und der Frauenbefreiung begreift und jene als Phänomen der Moderne begreifen. Die Geschichte der Frauen innerhalb der letzten dreihundert Jahre zu definieren und in der Geografie der positivistischen Wissenschaften, die sich selbst als modern einschätzen, gar ihren Anfang dort zu setzen, ist eine Verdrehung der Moderne. Wenn wir es schaffen, die positivistische und orientalistische Brille abzuwerfen, werden wir die Sagen und Geschichten der widerständigen Frauen in den ursprünglichen Geografien, auf vielen und weitläufigen Landstrichen entdecken. Jineolojî übernimmt die Verantwortung, für die festgestellten Notwendigkeiten entsprechende Methoden und Herangehensweisen zu entwickeln.

 

Feministische Bewegungen, die wir als den letzten Aufstand gegen Unterdrückung begreifen, sowie feministische Theorien als Erbe, die der Jineolojî den Weg ebnen. Ebenso wie im Mittlere Osten, so wurden auch die Widerstände von Frauen in Afrika und Asien nicht erkannt. So sehr von ihren Widerständen, auf Seiten weißer und männlich dominierter Geschichtsbücher, im Verständnis eurozentrischer Wissenschaften, nicht berichtet wird, wollen wir im Rahmen der Jineolojî die Methoden und Herangehensweisen der Verdeutlichung und der Bekanntmachung dieser Widerstände entwickeln.

 

Die Frau ist die letzte Kolonie des Kapitalismus, in der patriarchalen Zivilisation ist sie hingegen die erste Kolonie. Mit Enteignung der Frau von der Wirtschaft, mit dem Ausschluss der Frau aus der Geschichte, mit der Versklavung der Frau für den Mann, Auschluss der Frau von Formen der Gesellschaftlichkeit, mit dem Ausschluss aus Bildung und intellektueller Betätigung, mit Beschränkung ihrer künstlerischen Schöpfungskraft, aus diesen Gründen ist die Geschichte der Zivilisation eine Geschichte, aus der die Frau vertrieben wurde. Diese Vertreibung bedeutet auch den Verlust von Wirklichkeit in allen Bereichen der Kunst und Wissenschaften. Die Wirtschaft, die den Händen ihrer Entwicklerin entrissen wurde, bedeutet eine Wirtschaft der Ausnutzung, Ausbeutung und Bestrafung. Unsere Mutter Natur, wird in den Händen der erbarmungslosen Ausbeuter als Standort oder Sache und somit als „Quelle“ definiert. Aus diesem Grund weint die Umwelt in den Händen dieser Streithähne ihr Blut. Anhand ökologischer Tragödien schreit sie ihren Alarmruf heraus. Jineolojî macht sich in diesem Bewusstsein auf die Suche nach einem Wissen für den Neuaufbau von Symbiotik und Einklang zwischen der ersten und zweiten Natur1, der zerstört worden ist.

 

Als Frauenbefreiungsbewegung Kurdistans, mit unseren Bemühungen und Versuchen, haben wir eine eigene Dynamik in Produktion und Entwicklung von Theorien gewonnen, an Organisation und Aktionsfähigkeit. Wir haben unsere organisierte Kraft, unsere Armeewerdung als Gerilla, unsere Parteiwerdung als Frauen und den Konföderalismus der Frauen2 in diesem Bewusstsein entwickelt. Der Mut, mit der Jineolojî nun allen Frauen auf der ganzen Welt gegenüber zu treten, speist sich das aus all diesen Erfahrungen. Wir sind überzeugt davon, dass Jineolojî, einschließlich unseres Kampfes, für alle Frauen den Raum für eine gemeinsame und neue Auseinandersetzung eröffnen wird und in ihrer Konsequenz einen gemeinsamen und organisierten Kampf ermöglichen wird. In der Entschlossenheit, dass die Bewegung für Freiheit, Gleichheit und Demokratie, die mit der Jineolojî entwickelt wird, das 21. Jahrhundert in ein Jahrhundert der Frauenrevolutionen verwandeln wird; mit dem Ziel, diese Entschlossenheit zu teilen, laden wir alle dazu ein, die Jineolojî weiter zu entwickeln.

 

Jineolojî-Komitee der Frauenbefreiungspartei Kurdistans PAJK

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1 Wortschöpfung aus dem Kurdischen von jin – Frau. Es handelt sich hierbei um ein Konzept der Kurdischen Frauenbewegung, das aus einer radikalen Kritik der etablierten Sozialwissenschaften und auf Initiative Abdullah Öcalans entwickelt worden ist.

2 „Demokratische Zivilisation“ bezieht sich auf die Geschichtsbetrachtung Abdullah Öcalans, die jenseits staatlicher, zentralistischer Zivilisationen die kontinuierliche Existenz und die Überlebensmethoden demokratischer Zivilisationen herausarbeitet. Die „Kapitalistische Zivilisation“ ist hierbei die Tradition der herrschaftlichen Gesellschaftsformen, die mit Sumer im Zweistromland, Jahrtausende v.u.Z. ihren Anlauf nahm

3 Bezieht sich auf die oft rezipierte Symbolik der Drei Affen, die sich jeweils die Ohren, Augen und den Mund zuhalten.

4 Als „erste Natur“ und „zweite Natur“ bezeichnet die kurdische Freiheitsbewegung historische Entwicklungsstufen von ökologischem Zusammenleben. Die „erste Natur“ bezieht sich hierbei auf die Menschheitsgeschichte, die sich an den Regeln der Natur orientiert hat, wie Nomadismus, Gebrauchsproduktion und Leben in Klans. Als „zeiste Natur“ wird die Entwicklung der sesshaften Gesellschaften ab der Neusteinzeit und die damit Verbundene Änderung von Produktion und Zusammenleben. Mit der Entwicklung von Staatsformen haben sich die den Gesetzen der Natur entgegengesetzten Lebensformen durchgesetzt, bis heute zur ökologischen Krise des Kapitalismus.

5 Die Aufzählung bezieht sich auf die Schaffung einer autonomen Frauenguerilla im Jahre 1995 (YJA Star), die Entwicklung einer autonomen Parteistruktur (PAJK), sowie das konföderale Modell der Gemeinschaften der Frauen Kurdistans (KJK), das seit 1999 entwickelt wird und ständige .

 

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